Kolumne von Uta Zapf für die Toplum-Ausgabe April 2012
Anfang März veröffentlichte das Innenministerium eine Studie. Der Innenminister Friedrich zog bei der öffentlichen Vorstellung ein grausiges Fazit: 20% junger Muslime in Deutschland seien nicht integrationswillig, hätten eine starke Abneigung gegenüber dem Westen und hätten tendenzielle Gewaltakzeptanz. Die größte Gefahr sieht Innenminister Friedrich im „home-grown terrorism“. Er sieht Deutschland gleichzeitig im „Fokus des internationalen islamistischen Terrorismus“.
Erschreckende Tatsachen solle diese Studie enthalten, so suggerierte der Minister – gewaltbereite, integrationsfeindliche, fanatische junge Männer, verschleierte Frauen – alles Humbug. In der Studie selbst sucht man die Beschreibung der gegenüber dem Westen hasserfüllten jungen Menschen vergeblich. Die Realität ist viel vielschichtiger als Friedrichs Panikmache.
Die Studie zeigt: mehr als die erste und zweite Generation der Muslime hat die dritte Generation ein „tatsächliches Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland“. Tatsächlich sei das „Deutsch-sein“ „ein wichtiger Teil der eigenen Selbstwahrnehmung“. Die Realität ist also weit differenzierter als die sensationslüsterne Berichterstattung in den Medien. Folgerichtig empfinden viele Muslime, dass die Medien ein negatives Bild der Muslime bei Nichtmuslimen fördern. In der Studie ist häufig die Sorge geäußert worden – so die Wissenschaftler – „die eigene muslimische bzw. Herkunftsidentität nicht wahren zu können“.
Es wird also diesen jungen Menschen ein Gefühl der Ablehnung vermittelt – kein Wunder, dass einige darauf mit Abgrenzung reagieren! Aber es reagieren nicht alle (jungen) Muslime so. Herr Friedrich hat wohl die 80 %, die sich nicht abgrenzen, vergessen. Diese fühlen sich sehr wohl als Teil der Gesellschaft.
Mit einem weiteren Vorurteil räumt diese Studie auf: Religiöse Muslime neigten mehr zur Radikalisierung. Auch sehr religiös verwurzelte Muslime lehnen Terror ab. Frühere Studien versuchten religiöse Muslime als eher gewaltbereit darzustellen als z.B. gläubige junge Christen. Diese Studie zeigt, dass dies alles Unsinn ist. Sie zeigt, dass junge Menschen – gleich welchen Glaubens – ähnlich reagieren, wenn sie sich zurückgewiesen und diskriminiert fühlen.
Und diese Studie zeigt, dass die große Mehrheit der Muslime sich in Deutschland wohlfühlt und eine positive Bindung zu Deutschland aufgebaut hat.
Schön, dass der neue Bundespräsident in seiner Rede gesagt hat: „In unserem Land soll auch alle zuhause sein können, die hier leben.“
Dabei soll es auch bleiben!




