Betreuungsgeld – Verrat an der Integration

Veröffentlicht am 1. Juli 2012

Kolumne von Uta Zapf für die Toplum-Ausgabe Juli 2012

Es gibt einen grotesken Streit um das Betreuungsgeld. Die Koalition hat es im Koalitionsvertrag festgeschrieben, aber fast keiner (außer der CSU von Herrn Seehofer) will es. Die FDP lehnt es ab, ist aber bereit die Kröte zu schlucken, die CDU Frauen lehnen es ab, lassen es sich aber abhandeln gegen ein paar Rentensegnungen für Frauen.

So weit, so gut (oder eher so schlecht). Das Betreuungsgeld (100 Euro, später 150 Euro) für Ein- und Zweijährige, die nicht in eine staatlich geförderte Kita gehen, wird bis zu 1,2 Milliarden (!) Euro im Jahr kosten – und das in Zeiten klammer Kassen und drückender Schulden.

Die Arbeitgeber wollten es nicht, die evangelische Kirche lehnt es ab, die Caritas und der katholische Familienbund wollen ebenso darauf verzichten wie die Landfrauen. Rund 70% der Bevölkerung lehnt es ab – aber Herr Seehofer würde die Koalition platzen lassen, wenn es nicht kommt. Mit welcher Begeisterung die Abgeordneten bei der Sache sind, hat der vergangene Freitag gezeigt: Um beschlussfähig zu sein fehlten den Regierungsparteien mehr als 140 Abgeordnete – die waren ins Wochenende abgereist.

Mehrere Gutachten haben sich gegen diese Geldverschwendung ausgesprochen. Die OECD-Studie von Juni 2012 weist, ebenso wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, darauf hin, dass besonders Migrantenfrauen durch das Betreuungsgeld davon abgehalten werden, berufstätig zu sein. Folge: Die Kinder lernen später, wenn sie dann in Kindergarten und Schule kommen, die Sprache des Aufenthaltslandes – Integration wird verhindert. Den Müttern fehlt die Integration in den Arbeitsmarkt, den Kindern ihr soziales Umfeld. Jeder weiß, dass möglichst früher Spracherwerb Voraussetzung für gelungene Integration ist.

Besonders grotesk: diese Bundesregierung unterstützt mit hohem Finanzaufwand – 400 Millionen Euro von 2011 bis 2014 – den frühen Spracherwerb in Kitas!

Ab 2013 besteht ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für alle Kinder ab zwei Jahren. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 30 – 35 Prozent aller Kinder in diesem Alter einen solchen Platz beanspruchen werden. Bisher wurde auf Initiative der SPD der Kitaausbau vorangetrieben und finanziell unterstützt. Noch fehlen viele tausende Plätze, um dieses Ziel zu erreichen. Es wäre also in jeder Hinsicht klüger, dieses Geld in den Kitaausbau zu stecken.

“Herdprämie” oder “Abhalteprämie” nennen böse Zungen das Betreuungsgeld. “Irrsinn” nennt es der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Ich nenne es einen Rückschritt ins vergangene Jahrhundert. Damals galt als Rabenmutter, wer berufstätig war und das Kind in den Kindergarten schickte. Vereinbarkeit von Beruf und Familie war entweder Frauensache oder fand nicht statt. Bildungspolitik und Chancengerechtigkeit waren ideologische Kampffelder.

Heute wissen wir alle: Je früher gefördert wird, desto besser die Chancen für die Zukunft – übrigens nicht nur für Migranten! Und: Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, besonders für Frauen, verschlechtern sich, je länger sie zur Kindererziehung zu Hause bleiben.

Doch es gibt auch Profiteure: Familien, in denen der Mann viel verdient, profitieren vom Ehegattensplitting und der “Herdprämie” – und leisten sich ein Kindermädchen!

VIDEO

INTERAKTIV

  • 16.5.: Keine Angst! Die tut nix

    • BOTSCHAFT DES TAGES
      Seit eineinhalb Jahren schrumpft die Wirtschaft in Eurozone – so lange, wie nie zuvor seit der Euro-Einführung. Das belegen neue Zahlen der EU-Statistikbehörde. Gleichzeitig explodiert die Arbeitslosigkeit: 26,5 Millionen haben in Europa keinen Job, fast 5,7 sind unter 25 Jahren. In 13 der 27 EU-Staaten liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 25 Prozent, in manchen Ländern sogar über 60 Prozent!
      Und auch Deutschland wird immer mehr von der Krise erfasst. Im ersten Quartal gab es nur noch ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent. Der Export bricht ein und die Inlandsnachfrage bleibt zu schwach. Denn Merkel tut nix: keine Wachstumsimpulse, keine Arbeitsmarktprogramme, keine Bankenregulierung.
      Die Krise bekämpft sich nicht von selbst. Wir packen an.
      Zur Website SPD.de »

    Veranstaltung am 12.6.: Käte Hamburger Lecture mit Uta Zapf, Ramesh Thakur und Rolf Nikel

    Syrien-Appell: Freiheit braucht Beistand!

    • Syrien-Appell
      Uta Zapf unterzeichnet Aufruf zur Unterstützung des zivilen Widerstandes in Syrien
      Betroffenheit, Ohnmacht, Tragödie – das sind die Schlagworte der medialen Berichterstattung über Syrien. Eine politische Rettung ist nicht in Sicht. Was können wir tun, wenn wir nicht wegschauen und schweigen wollen?
      Weiterlesen und den Aufruf unterstützen »

    Info der Woche vom 03.05.2013: “Wir investieren für Deutschland”

    • Wert der Arbeit
      Es geht um den Wert der Arbeit
      Die Merkel-Regierung macht 100 Milliarden Euro neue Schulden. Sie verschleudert Geld für Hoteliers und für ein Betreuungsgeld, das Müttern und Vätern billig den Kita-Platz abkaufen soll. Gleichzeitig hinterlässt die Merkel-Regierung marode Straßen, hochverschuldete Gemeinden, ein unterfinanziertes Bildungssystem. Regieren geht anders. Deutschland braucht Zukunftsinvestitionen und eine solide Finanzierung.
      Weiterlesen »

    SPD-Regierungsprogramm 2013-2017