Kolumne von Uta Zapf für die Toplum-Ausgabe September 2010
Merkel ist empört, Sigmar Gabriel findet die Sprüche Sarrazins „dämlich“. Nun hat aber besagter Herr ein ganzes 464 Seiten umfassendes Buch vollgetextet mit seinen Sprüchen – und das ist nicht nur dämlich, sondern brandgefährlich.
„Deutschland schafft sich ab“ ist rassistisch und spielt rechtsradikalen Gruppen in die Hände, es ist nationalistisch, weil es Angst vor „Überfremdung“ schürt und es gefährdet den inneren Frieden in Deutschland, weil es eine ganze Gruppe hier lebender Menschen, die zugewanderten Muslime, diskriminiert – schlimmer noch: verleumdet!
Dieses Buch kommt (pseudo-) wissenschaftlich daher. Intelligenz sei überwiegend eine Sache der Gene – dieser uralte ungelöste Streit ist für Herrn S. entschieden: Muslime sind von Haus aus dümmer als andere. Und deshalb nützen sie unserer Gesellschaft nicht sondern bedrohen ihre Zukunft.
Sarrazins Thesen sind irrwitzig. So absurd sie sind, so gefährlich sind sie, weil sie alle islamophoben Vorurteile aufnehmen. Muslimische Männer sind gewalttätig, weil sexuell frustriert (wegen der rigiden muslimischen Moral), ihre mangelnden Erfolge in der Schule sind kulturell bedingt, sie geben sich keine Mühe Deutsch zu lernen und der Beweis ist in der Tatsache zu sehen, dass sie öfter arbeitslos sind.
So krude und hanebüchen, so widersprüchlich und verworren diese Behauptungen sind – sie werden in einer zur Xenophobie neigenden Gesellschaft aufgenommen und zerstören ohnehin nur schwach keimendes Vertrauen zwischen Deutschen und Zuwanderern.
Herr S. verkennt, dass Deutschland Jahrzehnte lang Integration verweigert hat – insbesondere gegenüber Türken und Arabern, dass diese Abweisung zu der beklagten Segregation geführt hat. Die Bildungssysteme waren nicht auf Fördern eingerichtet und im Berufsleben müssen Migranten bis heute – trotz bester Qualifikation – Absagen auf ihre Bewerbungen hinnehmen, weil sie nicht „Schmidt“ sondern „Özcan“ heißen.
Was Sarrazin ignoriert, ist die große Zahl erfolgreicher, perfekt Deutsch sprechender, gut gebildeter und beruflich erfolgreicher Türken und Araber. Was er auch ignoriert, ist die große Anzahl benachteiligter Deutscher, die arm sind, arbeitslos, ohne Schulabschluss und ohne Perspektive.
Nicht die Muslime sind Schuld, wenn Deutschland dümmer wird, sondern eine arrogante Gesellschaft, die nicht willens und in der Lage ist, ihr Bildungssystem so zu gestalten, dass alle eine Chance haben.



